In meinem letzten Blogeintrag habe ich geschrieben, dass heute der 17. Oktober wäre. Und siehe da, heute, an dem Tag an dem ich diesen Blogeintrag verfasst habe, ist der 17. November.
Vieles ist in der letzten Zeit passiert und eigentlich sollte ich auch viel mehr hier schreiben, da ich sonst viel zu viel vergessen werde, was mir hier alles widerfahren ist. Doch leider habe ich die Zeit und um ehrlich zu sein, auch die Lust nicht.
Ich fang jetzt einfach mal bei dem an, an was ich mich gerade so spontan erinnern kann:
Am Anfang dieses Monates haben wir Brot im Heim gebacken. Hier in Bolivien ist das so, die Menschen denken, dass wenn eine Person stirbt, ist sie nur körperlich von einem gegangen, aber geistig ist sie noch immer da. Ich habe mir sagen lassen, dass man hier auch nicht so spricht, schön war die Zeit mit ihm/ihr sondern schön ist die Zeit noch immer. Jedenfalls ist hier Fronleichnam nicht am 1. November sondern am 2. November und an diesem Tag versammelt sich ganz Bolivien auf den verschieden Friedhöfen. Den verstorbenen Personen, wird all das mitgebracht, das sie zu ihren Lebzeiten am liebsten hatten, wie also das Lieblingsgetränk, die Lieblingssüßigkeit etc. und das alles wird dann vor ihr Grab gelegt. Ebenso Brot, aufgrund dessen, haben auch wir, wie jeder andere Bolivianer, selbst Brot gebacken. Symbolisch backt man z.B. eine Leiter, damit der Geist heruntersteigen kann. In die Lieblingsgetränke werden Strohhalme gesteckt, da der Geist zu schwach sein könnte, das Glas anzuheben um zu trinken.
Einige der Jungs waren zwar nicht auf dem Friedhof oder ähnliches, doch ich persönliche glaube, für sie ist es eher mehr der Spaß, der bei dieser Backerei zählt. Und um ehrlich zu sein war es auch ziemlich cool, und wer hätte es erwartet das Brot hat sogar super geschmeckt.
An einem anderen Tag, ich glaub es war in der Woche vom 2. November, sind wir mit einigen der Jungs als Belohnung für gute Schulnoten ins Stadion gegangen. Dort war dann das sogenannte „Classico“-Spiel. Das heißt um genau zu sein, Bolivar gegen Tigre („The Strongest“). Das ganze Stadion, das in der Stadtmitte ist, war gerammelt voll. Ein super tolles Erlebnis. Klar war es mal wieder nicht gerade Bundesliganiveau, doch für uns Volontäre geht es dabei auch nicht wirklich um das Spiel, vielmehr geht es um die Atmosphäre. Allein die Vorstellung, dass einem der Linienrichter eine Flasche an den Kopf geworfen wurde, dass der Schiedsrichter unter Polizeischutz in seine Kabine begleitet wird und dass die Menschen im Stadion mit Kopfhörern sitzen, damit sie die Kommentator Sprüche hören können. Dinge, soviel ich weiß, die in Deutschland anders ablaufen. Auch hier hatten die Jungs ihren Spaß und wöllten am liebsten morgen gleich wieder gehen.
Ich muss zugeben die Zeitliche Abfolge, stimmt mit Sicherheit hier nicht bei allem, aber das stört ja eigentlich auch nicht. Es geht mir mehr darum die Gedanken und Momente festzuhalten, in denen man sich befunden hat.
Doch das schlimmste, das ich in diesem Monat erfahren habe, war in einem Gespräch mit einem der Jungen. Im Gespräch, mit einem meiner Jungs habe ich ihn gefragt, warum er am Anfang, als ich gekommen bin, nicht in die Schule gegangen ist. Er hat mir erzählt, dass ein Prozess am Laufen war, bei dem entschieden wurde, ob er wieder zu seinem Vater zurück muss oder er im Heim bleiben kann. Es wurde jetzt also so entschieden, dass er im Heim bleiben darf. Woraufhin ich ihn gefragt habe, ob er die Entscheidung gut findet oder lieber gerne zurückgekehrt wäre. Daraufhin hat er mir erzählt, dass er mit der Entscheidung sehr zufrieden ist, denn er will nie wieder zu seinem Vater zurück. In diesem Moment, habe ich mir schon gedacht, dass was Schlimmes passiert sein muss, um solch eine Aussage zu treffen. Und mit meiner Vermutung lag ich richtig. Dieser sogenannte Vater, hat es fertiggebracht seinen Sohn mit Alkohol anzuzünden, woraufhin er nun an seinem ganzen Oberkörper, sowie an seinem Hals Verbrennungen hat, die ihn immer daran erinnern werden, was sein Vater getan hat. Und hier, auch wenn er es nie verstehen kann diesen Jungen schon, möchte ich mal meine Begeisterung für diesen Jungen aussprechen. Mir scheint es, dass er sich trotz seines Schicksaales, nicht unterkriegen lässt. Er lebt sein Leben mit voller Lebensfreude.
Bei einem anderen Jungen, wurde mit von meinem Chef erzählt, dass er so lange von seinen Eltern mit Gegenständen auf den Kopf geschlagen wurde, so dass er jetzt ein wenig, dumm im Kopf ist. Man merkt ihm manchmal an, dass er nicht auf dem Stand eines 15 jährigen Jungen ist.
Was mir manchmal zu schaffen macht, ist, wenn ich mit der Sozialarbeiterin auf Familiensuche bin. Zwar macht es mir jedes Mal sehr viel Spaß, da es besonders ist sehen zu dürfen, wie die Jungs früher gelebt haben, mit wem sie früher gelebt haben. Und ich komm hin und wieder aus dem Heim raus und darf noch einen anderen Teil von La Paz oder sogar Boliviens sehen. Doch oft ist es so, dass wir die Familie finden und die/der Mutter/Vater sagt, sie kann ihren Sohn nicht mehr zurück nehmen. Dies ist oft der Fall, aufgrund von einem neuen Mann oder von vielleicht 4 Kindern, es ist unterschiedlich. Manchmal ist es auch aufgrund der finanziellen Lage. Und in diesem Moment beschäftigt mich, dass ich die Möglichkeit hatte, die Mutter oder vielleicht auch den Vater sehen zu dürfen, mit ihnen sprechen zu dürfen und die Jungs nicht.
Wenn ich bei der Arbeit bin und Ereignisse vorkommen, die ich in 8 Monaten nicht mehr erleben darf, stimmt mich das manchmal ein wenig komisch. Es gibt z.B. einen kleinen Jungen, Joel ist sein Name und ist 8 Jahre alt. Und seit ein paar Wochen, kommt er regelmäßig zu mir her und sagt er muss mir was ins Ohr sagen. Also beug ich mich zu ihm runter und hör mir an, was er mir sagen will. Ich weiß zwar schon jedes Mal, was es sein wird, aber ich will ihm einfach den Spaß lassen. Ich glaube alle, die das jetzt hier lesen, denen wurden schon einmal Geräusche, wie ein Kuss ins Ohr geküsst. Und das macht er regelmäßig bei mir. Ich hoffe sehr, dass er irgendwann den Ernst des Lebens erkennen wird und aus ihm jemand wird.
Gestern, am Freitag, 18.11.2011 haben wir 15 Jahre „Hogar Ninas Obrajes“ gefeiert. Es gab leckeres Essen, eine Band hat Musik gespielt und sowohl die Mädchen aus dem Heim als auch meine Jungs aus dem Casa Esperanza waren Anwesend. Das coole an der ganze Sache war, zu sehen wie die Jungs es geschafft haben, in Kontakt mit den Mädchen zu kommen. Der Ein oder Andere ist später auch Hand in Hand mit diesem Mädchen rumgelaufen. Des Weiteren, haben sie mich gefragt, ob sie meine Kamera haben dürfte zum Bilder machen. Natürlich haben sie Beweisfotos machen müssen, die sie mit irgendwelchen Mädchen zeigen. Einer der Jungs, total lustiger typ, ich mag ihn wirklich sehr. Hat ein Häppchen, dass auf dem Boden gelegen hat, ich glaube es war ein kleines Fleischküchle mit einem Zahnstocher aufgespießt und es einem anderen Jungen aus dem Casa Esperanza gegeben, der nicht wusste, dass es schon auf dem Boden lag. Klar ist es eigentlich nicht witzig, aber trotzdem in dem Moment einfach zum Brüllen.
Eins muss ich noch erzählen, das ist einfach eine Erinnerung, die ich nie vergessen möchte. Ich war im Computerraum und habe einen Brief geschrieben, bei dem ich hoffe, dass ihn Chrisi mit nach Deutschland nehmen kann, als Johannes (der andere Volontär) mit einem der Jungs rein kommt. Der junge ist ca. 8-9 Jahre alt, ich habe schon mal über ihn geschrieben. Es ist der Junge, mit ich mal sein Pulli wechseln war. Jedenfalls, hat Johannes dann mit ihm ein wenig rumgealbert und in irgendwann aufm Schoß gehabt. Auf seinem Schoß hat er ihn dann runtergedrückt, damit er sozusagen Sit-up´s machen muss und als er dann vor Lachen nicht mehr konnte, hat einen Furz losgelassen, den Johannes somit voll ins Gesicht bekommen hat. Hahaha wir haben uns alle vor Lachen weggeschmissen.
Wie ich erwähnt habe, war am 2. November Fronleichnam, das heißt wir Volontäre hatten frei. Wir haben den Tag genutzt um auf den Teufelszahn zu wandern/klettern. Es war super La Paz mal zu verlassen und einen wunderschönen Blick über fast ganz La Paz zu haben. Ebenso war es einfach mal etwas anderes, als immer nur zu arbeiten. Zudem waren auch fast alle Volontäre dabei, bis auf ein paar Wenige, die den Tag krank im Bett verbracht haben. Dieser Berg heißt Teufelszahn, da er wie ein überdimensionaler Backenzahn aussieht. Es war ein super Erlebnis und hat eine Menge Freude bereitet.
Am Anfang, als ich hier her kam, habe ich mir oft gedacht, warum habe ich mir für 1 Jahr im Ausland entschieden oder warum bin ich überhaupt so weit weg von meiner Familie gegangen. Doch heute bin ich dankbar. Ich hätte ohne diese Erfahrungen, die ich hier sammele, niemals das zu schätzen gelernt, was ich habe. Ich wäre mit Sicherheit nicht so selbstständig, wie ich es jetzt glaube zu sein.
Und jetzt, da man sich eingelebt hat, geht das Jahr noch schneller um. Wie schnell ging es jetzt eigentlich, dass mein Geburtstag wieder ein Monat her ist, wie schnell ging es jetzt, dass ich schon 4 Monate hier bin und ganz ehrlich bald steht schon Weihnachten und Silvester vor der Tür. Und dann ist auch schon mein Bruder da.
Doch jetzt freue ich mich erst einmal auf die Zeit, in der die Jungs keine Schule habe im Casa Esperanza mehr leben denn je herrscht und man mit den Jungs mal richtig sprechen kann.
Ohhh eines hätte ich jetzt fast noch vergessen. Ich war bei DAVID GUETTA „Nothing but the Beat“ (15.11.2011) und es war hammer geil. Klar David Guetta ist ein hässlicher typ, aber er weiß wie man einer Menge von 20 000 Menschen einheizen kann. Genial! Und das Preisleistungsverhältnis hat auch vollkommen gestimmt.
Bilder kann man, wie immer, auf www.facebook.de finden : )
So das ist es dann mal wieder von mir, ich muss versuchen öfter meinen Blog zu schreiben, damit ich wichtige Ereignisse, die ich nicht vergessen möchte, nicht vergesse.
Liebe Grüße an alle
Sebi
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